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Clara Luciani – Die Granate unter der Brust

2. Dezember 2018 2 min read

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Clara Luciani – Die Granate unter der Brust

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Neuchâtel. Draussen vermischt sich der Regen mit den nächtlichen Lichtern der Stadt, während wir die Case à Chocs betreten. Ein verwinkelter Betonbau, in dem man an allerlei Graffitikunst vorbeigeht, bis man bei der Bühne ankommt. Das Publikum ist gemischt, der Raum füllt sich immer mehr.

Und endlich kommen sie auf die Bühne: Clara Luciani und ihre Band. Anfangs wirkt das Publikum noch etwas träge, kommt jedoch immer mehr in Schwung, als sie mit ihrer Musik loslegen. Das ist wohl auch dem lockeren und selbstbewussten Auftreten von Clara Luciani zu verdanken. Verspielt bringt sie das Publikum zum Lachen, Tanzen und zum Mitsingen. Die Sängerin hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Ohne jegliche Showeinlage kommt sie auf die Bühne, singt auf eine extrem ehrliche und offenherzige Art und ihre schlichten, fast kantigen Bewegungen passen wie selbstverständlich zu den Melodien und Rhythmen und errinnern mich lustigerweise an Michael Jacksons Moves. Irgendwie Funky und elegant zugleich. Ab und zu taucht auf ihrem Gesicht ein verschmitztes breites Grinsen auf, mit dem sie das Publikum in ihren Bann zieht.

Die ganze Band schrahlt eine ungebändigte Freude an der Musik aus. Die Musiker scheinen ganz in ihrer Musik present zu sein und die einzelnen Klänge miteinander in Harmonie zu verschmelzen. Schlagzeug, E-Gitarre, Bass und Keyboard. Auch Clara greift hin und wieder zur Gitarre um sich selbst zu begleiten. Der Beat geht durch den ganzen Körper und ich kann nicht anders, als mich grinsend zur Musik zu bewegen.

Sainte-Victoire: das erste Album, das Clara Luciani herausgebracht hat. Davor sang sie eine Weile bei der Band La Femme. In ihren Texten setzt sich die junge Sängerin mit ihrer Weiblichkeit und den Idealen der Gesellschaft auseinander. So beispielsweise bei La Grenade: Eine weibliche Hymne mit der Aussage, dass mehr in der Frau steckt, als das Äussere oder was den Vorurteilen der Gesellschaft entspricht. «Sous mon sein la Grenade». Der Text hat einen provokativen und fast bedrohlichen Touch, doch der Schwung der im Song steckt, gibt ihm eine gewisse Lockerkeit. Für ein Stück steht Clara Luciani alleine auf der Bühne und begleitet sich mit der E-Gitarre. Drôle d’époque: Sie beschreibt in diesem berührenden Song den Komplex, den sie mit ihrem androgynen Körper hatte. Clara ist eine Frau voller Gegensätze und gerade das macht sie einzigartig. So beeindruckt sie auch mit Wechseln zwischen tiefen, fast rauchig klingenden und kristallklar hohen Tönen. Auch die Musik spiegelt diese Gegensätzlichkeiten und bietet ein breites Spektrum. Sie ist bewegend, rhythmisch, voller Kraft und Energie, auch mal dramatisch, melancholisch und beinahe zu Tränen berührend und vor allem befreiend.

Das Publikum ist begeistert und klatscht mit einer solchen Ausdauer, dass Clara insgesamt dreimal erneut auf die Bühne kommt. Mit einem Cover von Lana Del Reys Song Blue Jeans schliesst sie ihren Auftritt endgültig ab. Natürlich ins Französische übersetzt: Jean bleu. Es ist die gleiche wunderschöne Melodie, aber dennoch gibt sie dem Song eine ganz neue Energie. Clara Luciani hat eine Energie und Stärke, die ansteckend ist. Sie hat es eindeutig geschafft, mit ihrer Musik bis ins Herz zu treffen. Voller Lebensfreude verlassen wir nach einem wunderbaren Abend die Case à Chocs.

Text /Gastautorin:  Lea Wissmiller